Schmerzen bei Kälte und Stress: Das Raynaud-Syndrom

Rotenburg. Wer unter dem Raynaud-Syndrom leidet, für den sind die Wintermonate sehr schmerzhaft. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur sogenannten Weißfingerkrankheit.

Kalte Hände hat wohl jeder mal. Wer jedoch unter dem sogenannten Raynaud-Syndrom leidet, hat bei Kälte regelmäßig mit einer schmerzhaften Blutleere in den Fingern oder auch Zehen zu kämpfen, die sich zudem verfärben.

Wir haben mit der Angiologin Dr. Gabriele Dämgen-von Brevern über dieses Phänomen gesprochen. Die Angiologie ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin, die sich mit Gefäßerkrankungen befasst.

Was ist das Raynaud-Syndrom eigentlich?

Beim Raynaud-Syndrom handelt es sich um eine Gefäßerkrankung beziehungsweise eine Durchblutungsstörung. Im Volksmund wird oft von „Weißfingerkrankheit“ oder „Leichenfingerkrankheit“ gesprochen. Der medizinische Fachbegriff – Raynaud-Syndrom oder auch Raynaud-Phänomen – geht auf den französischen Arzt Maurice Raynaud zurück, der diese Erkrankung erstmals im 19. Jahrhundert beschrieb.

In Europa erkranken laut der Deutschen Gesellschaft für Angiologie (DGA) – Gesellschaft für Gefäßmedizin fünf bis 20 Prozent der Bevölkerung am Raynaud-Syndrom, in Südeuropa jedoch deutlich weniger als in Nordeuropa. Frauen seien viermal häufiger betroffen als Männer. Bei der Entstehung können laut Dr. Gabriele Dämgen-von Brevern erbliche Faktoren eine Rolle spielen, es gibt zudem bestimmte Auslösefaktoren sowie Begleiterkrankungen, die mit dem Raynaud-Syndrom in Zusammenhang stehen.

Welche Formen der Erkrankung gibt es?

Unterschieden wird zwischen zwei Formen, der primären und der sekundären. Die primäre Form ist laut Dr. Gabriele Dämgen-von Brevern die häufigste und gutartig. In diesem Fall sind die Beschwerden keine Folge einer anderen, zugrunde liegenden Krankheit. Die primäre Form tritt meist bei Menschen zwischen 20 und 40 Jahren auf.

Bei der sekundären Form besteht in der Regel eine Grund- oder Begleiterkrankung, die das Raynaud-Syndrom auslöst. Das kann zum Beispiel eine rheumatische Erkrankung, eine Durchblutungsstörung oder eine neurogene Schädigung sein, wie das Lenden- oder Halswirbelsyndrom. Selten lösen Herzerkrankungen das Phänomen aus, so die Angiologin. Neben Nikotin können bestimmte Medikamente wie Chemotherapeutika, Aufputschmittel oder Drogen wie Kokain Grund für die Anfälle sein oder diese verstärken.

In bestimmten Fällen gilt das Raynaud-Syndrom auch als Berufskrankheit, denn dauerhafte Vibration – wie bei der Arbeit mit Presslufthämmern oder Kettensägen – kann selbiges ebenso hervorrufen. Gleiches gilt für Sportarten wie Volleyball und Handball.

Herauszufinden, ob es sich um die primäre oder sekundäre Form handelt, ist laut Dr. Dämgen-von Brevern auch das Ziel einer jeden Anamnese und Diagnostik. Wichtig sei es, anfangs genau nachzufragen, wann die Symptome auftreten, wie oft sie auftreten, wie lange und in welchen Situationen.

Wie und wann äußert sich das Raynaud-Syndrom?

Beim Raynaud-Patienten reagieren die Blutgefäße anfallartig sensibel auf Kälte beziehungsweise plötzliche Temperaturwechsel oder auch Stress. Es treten Schmerzen, Schwellungen, Taubheitsgefühl und/oder Kribbeln auf. 

Außerdem kommt es zu Verfärbungen der betroffenen Gliedmaßen, die meist von weiß über blau zu rot variieren. Die Zehen können ebenfalls betroffen sein, selten auch Ohrläppchen, Nase oder Mundpartie. Wer von der primären Form betroffen ist, leidet in der Regel vor allem im Herbst und im Winter darunter.

Treten die Symptome das ganze Jahr über auf, ist das ein Hinweis auf die sekundäre Form. Bei dieser sind die Symptome zudem oft ausgeprägter, sagt Dr. Dämgen-von Brevern. So können sich beispielsweise offene Stellen an Fingern oder Zehen bilden, die die Extremitäten und ihre Funktion gefährden.

Die Raynaud-Anfälle können nach wenigen Minuten vorbei sein, aber auch mehrere Stunden andauern.

Ständig kalte Finger sind übrigens kein Hinweis auf das Raynaud-Syndrom. Wer dauerhaft kalte Hände und/oder Füße hat, hat eventuell niedrigen Blutdruck oder eine Herzschwäche.

Wann sollten Betroffene des Raynaud-Syndroms zum Arzt gehen?

Wer die beschriebenen Symptome feststellt, sollte sich laut Dr. Dämgen-von Brevern nicht scheuen, zum Arzt zu gehen. Erster Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt, der dann zum Spezialisten weiter verweisen kann. Eine frühe Diagnose sei von Vorteil, gerade falls es sich um die sekundäre Form der Erkrankung handele. 

Eine frühe Diagnose und Behandlung könne außerdem mögliche Folgeschäden vermeiden. Für das Arzt-Patientengespräch kann es hilfreich sein, das Auftreten der Anfälle zu dokumentieren. Gerade in den ersten Jahren sollten sich Betroffene regelmäßig beim Arzt vorstellen, um den Krankheitsverlauf zu beobachten, in einigen Fällen geht die primäre in die sekundäre Form über.

Wie wird das Raynaud-Syndrom behandelt?

In erster Linie gilt es, die die auslösenden Faktoren – Kälte und/oder Stress – zu vermeiden. Es reiche übrigens nicht, so Dämgen-von Brevern, nur die betroffenen Stellen warm zu halten, sinnvoller sei es, den ganzen Körper vor Kälte zu schützen. Im Alltag können kleine Dinge hilfreich sein, zum Beispiel eine Greifzange für den Kühlschrank. Der Verzicht auf Nikotin wirke sich ebenfalls häufig positiv aus, weiß die Angiologin.

Ansonsten kommen gefäßerweiternde Medikamente oder Schmerzmittel zum Einsatz. Manchen Betroffenen helfen auch pflanzliche Heilmittel, deren Wirkung laut der Expertin aber nicht nachgewiesen ist.

Bei der sekundären Form sei überdies natürlich die Behandlung der Grunderkrankung wichtig.

Hintergrund: Ratgeber der DGA informiert

Einen rund 20-seitigen Ratgeber mit Wissenswertem rund um die Durchblutungsstörung Raynaud-Syndrom hat die Deutsche Gesellschaft für Angiologie (DGA) – Gesellschaft für Gefäßmedizin herausgegeben. Unter anderem enthält dieser Informationen zur Ursache, zu Symptomen, zur Behandlung und Tipps für den Alltag. Als pdf ist die Broschüre auch auf der Homepage der Gesellschaft unter www.dga-gefaessmedizin.de in der Rubrik Patienten/Publikationen zu finden.

Zur Person

Dr. Gabriele Dämgen-von Brevern (61 Jahre) arbeitet seit März dieses Jahres an zwei Tagen in der Woche als Oberärztin und Angiologin am Herz- und Kreislaufzentrum (HKZ) in Rotenburg. Sie ist sowohl im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) als auch in der Klinik für Herz- und Gefäßerkrankungen sowie in der Rehaklinik tätig. 

Außerdem ist sie am Cardioangiologischen Centrum Bethanien (CCB) in Frankfurt beschäftigt. In Frankfurt hat sie auch studiert. Dämgen-von Brevern lebt in Hanau, sie ist verwitwet, hat Stiefkinder und einen Stiefenkelsohn. Die 61-Jährige liebt Musik und Blumen, außerdem liest sie in ihrer Freizeit gerne.

Den HNA-Artikel vom 26.09.2018  finden Sie hier.